Laudatio Hey-Hoffelder

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Laudatio

Ausstellung
Herrenhof 24. März 2019

Wolfgang Hey und Willie Hoffelder

Liebe Gäste!

Sind sie wach? Sind sie sehend?

Es wäre so schön, könnte die Erde eine Kugel sein, die in einem größeren begrenzten Gebilde schwebte. Es wäre so einfach, weil wir uns dann nicht mit der Unendlichkeit herumplagen müssten.

Die alten Griechen dachten noch, die Erde sei eine Scheibe und das Wasser des Mittelmeeres würde an den Rändern herunterfließen. Und dann wurde die Welt zur Kugel, zum Staubkörnchen irgendwo in einem Weltall, dessen Grenzen wir uns nicht vorstellen können. Denn, so ist zu fragen: Was ist außerhalb dieser grenzenlosen Grenzen? Leerer Raum? Und was außerhalb des leeren Raums? Gibt es denn eine so genannte „Grenze“?

Mit dieser erschreckenden „Grenzenlosigkeit“ müssen wir uns irgendwie arrangieren.

Warum beunruhige ich Sie an diesem späten Sonntagmorgen mit philosophischem Geplänkel? Wollten Sie nicht ein paar beruhigende Worte über die Arbeiten von Wolfgang Hey und Willie Hoffelder hören? Wie kann ich etwas beschreiben, was sich kaum in Worte fassen lässt? Etwas erklären, was ich sehe, wahrnehme. Wie kann ich die Empfindung meiner Augen in Sprache umwandeln ?

Sven Regener, der Sänger der Gruppe ‚Element of Crime‘, hat es in seinem Song „Alle vier Minuten“ so formuliert: (Zitat) „Sprache ist, das wissen wir, das allerhöchste Gut und ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch – nur ein Gartenzwerg“. Wie kann ich mich den Arbeiten eines Wolfgang Hey mit einer Klarheit in der Sprache annähern ?

Linie – Fläche – Farbe –

Das ist die klare Ansage von Wolfgang Hey.

Kandinsky, der mehr und mehr dem Gegenstand entsagte, ihm regelrecht eine Absage erteilte, fand in einem langen Prozess zum Nicht- Gegenständlichen, wobei „Gegenstand“, d.h. der „Bild-Gegenstand“ zur Symphonie aus Linien, Flächen und Farben wurde.

Wolfgang Hey ist ein Suchender, der sich von der Linie, die er produziert, leiten lässt. Sie ist der Kokon, der ihm Schutz bieten könnte.

Mit nichts als der Linie an der Hand, gleichsam einem Faden in der Hand, springt er in das weite Meer des Unterbewusstseins, taucht an dieser Linien-Schnur ins Ungewisse, auf der Suche nach Formen, Formationen, entdeckt hier und da Lebewesen in der unermesslichen Tiefe, taucht weiter mit bröckelnder Linie, findet irgendwie zurück an die Oberfläche, - um Luft zu holen.

Seine Entdeckungen hat er mitgebracht, breitet sie vor uns aus, indem er Farbe mit ins Spiel bringt, sie für uns, dem Betrachter, sozusagen ins Bewusstsein klärt.

Mit dieser Herangehensweise folgt er einer „Technik“, die die Surrealisten „écriture automatique“ – „automatisches Schreiben“ nannten. Das heißt, der Künstler unterwirft sich dem Diktat seines Unterbewusstseins, das frei sich entfaltend zu Ergebnissen kommt, die den Erzeuger, den Kreator selbst überraschen:

Fabelwesen aus der Tiefsee des Unterbewussten.

  1. Gehen Sie nah ran – und vergessen Sie das Atmen nicht!

Fossilien.

Die Farbsubstanz scheint in Auflösung begriffen, wie ausgewaschen, irgendwie porös, Relikt aus vergangener Zeit.

Meeresbewohner aus der Tiefe ans Licht gebracht. Urwesen, deren Skelett als Grundform erhalten geblieben ist, mit einer Linie umschrieben, die die übrig gebliebene Form klärt.

Da eine Linie, da ein Punkt, Verbindungen zueinander, aber brüchig.

Farbe versucht, die Form zu bewahren.

Farbe, die zum Einen die Funktion des Bewahrens hat, andererseits aber wieder die Linie zu verschlingen droht.

Es ist erstaunlich, wie vielseitig eine Linie sein kann:

Dick und dünn, krakelig, gebogen, gradlinig, überspitzt, dominant, dämonisch, zaghaft und scheu, fordernd und vorherrschend, d.h. die Linie erhält durch ihr Eigenleben menschliche Charaktereigenschaften, wird dadurch zum Bedeutungsträger.

  1. Ein Kampf um das Gleichgewicht.

Wer kann diesen Kampf nachvollziehen? Geschwungen gegen Gerade

Stumpf gegen Spitz zart und brutal heftig und sanft.

Linien werden im Gewirr geordnet und gerade noch – gebändigt.

Dann wieder Farbe als Umraum, als Umgebung, Farbe, die sich manifestiert.

Mit den Augen ertasten wir die Körnung des Papiers, die Rauigkeit der Oberfläche, die kleinen und großen Farbflächen, Gelb und Schwefelgelb und nochmal Gelb, diesmal Safrangelb.

Blau, aufgehelltes Türkis-Ultramarin, transparentes Purpur-Rot oder Krapplack, dazwischen eine Tönung wieder von gelb, immer wieder unterbrochen, durchbrochen, eingegrenzt durch ein Liniengerüst, das Halt gibt in dieser sich ausufernden Farbigkeit. 

Überlagernde Schichten demonstrieren die Tiefe, wobei die Farbkonsistenz kaum gleichbleibend ist, immer lebendig, immer in Aktion und Reaktion.

Wie die Linie ein Gerüst ist, so auch die Farben: Rot, Blau, Gelb.

Aus diesen Komponenten kann der Maler sich in der Unermesslichkeit des Farbenweltalls verlieren.

Allein das Wechselspiel dieser 3 Grundfarben mit all ihren Schattierungen birgt eine knisternde Spannung in einem sich immer wieder öffnenden Kosmos.

Schlägt die Linie eine Form vor, gerät es nicht selten, dass die Farbe demonstrativ eigene Wege geht, sich nur teilweise an das Diktat der Linie hält.

Linie und Farbfläche – ein Gegensatzpaar. Das eine Element lebt mit und von dem anderen, in einer ständigen Diskussion, in Übereinstimmung oder im Gegeneinander, - vergleichbar mit einem Ehepaar, das eine interessante Beziehung lebt. 

Jetzt sind wir weit weg von den fossilen Urformen, sind jetzt im Zentrum des Werdens, im Zentrum einer organischen Form, im Wachstum einer frühzeitlichen Siedlung.

Stadt – Land – Fluss

Fliehkräfte sind am Werk. Wie kann ich sie bändigen in einer sich kaum fassbaren Entwicklung?

Und plötzlich sehen wir das Ganze von oben und von vorne gleichzeitig in einer kubistischen Mehransichtigkeit und zeitlichen Mehrdeutigkeit, - nah und fern.

Wege gehen durch das Labyrinth der Farbe, Wege über große Plätze, durch kleine Gassen, dann fliegen wir über eine weite Landschaft, starke Farbfelder, die sich einprägen, sehen Brücken, Treppen, Stufen, kleinteiliges Stolpern, großzügige Ruhe.

Das bei der Arbeit verwendete Wasser hat hier eine besondere Funktion: Mit dessen Hilfe lässt Wolfgang Hey die Farbe mit der Linie drunter und drüber und zwischendrin spielen und hüpfen, sich verbergen.

 

  1. Der Fisch, der Käfer, die Philharmonie.

Sie tauchen als Bruchstücke unserer Wahrnehmung auf, an die wir uns klammern, die uns den Gegenstand der uns bekannten, greifbaren Welt begreiflich machen soll.

Der Zeichner, der Maler Wolfgang Hey springt mit uns zwischen diesen Welten, während unser kleines Raumschiff namens Bewusst-Sein wieder in den Ozean von Farbschichten und Linienfluchten abtaucht.

 

  1. Und was macht der Bildhauer Willie Hoffelder?

So wie der Eine sich von der Linie und den Grundfarben leiten lässt, um die Ebene des Gefühls in sichtbare Form zu übersetzen, so wird der Andere vom Natur-Gegenstand geleitet, versunken, trunken, mit der Liebe zum organischen Grundstoff.

Worin besteht das Wesen der Dinge? Chaos und Ordnung. Der Garten im Winter, das Feld, das brach liegt. Die hölzerne Figur, die sich nach der Hand sehnt, die sie zum Leben erweckt. Der kuriose Zufall, den das tägliche Leben beschert.

Kopffüßler Kopffiguren Kopfkörper Torsi und Stelen 

Wächter, Wächter und immer wieder Wächter wachen, wach sein, bewachen,

den Schlaf bewahren, den Träumer bewachen Traumhaft

Traumbruchstücke 

Bruchstücke des Erinnerns Bruchstücke von Natur und Kultur Relikte aus einer Welt, die jeder kennt und sich niemand dort aufhält.

Bearbeitetes Holz Atmung, Leben

Lachen auf der anderen Straßenseite Im Rücken ein Geräusch

Versunken in Gedanken Versunken in einer Welt

Wiedergefunden, zum Leben erweckt Fremd in vertrauter Welt

Vertraut in fremder Welt

die Welt, die wir uns schaffen, die Welt, die wir verlassen Verlassene Welt

Menschen, die vorbeihasten, blicklos, stumm Die stummen Gesichter

Die stummen Münder

kein Schrei, kein Aufschrei, stummes Sehen

Aus der Form herausgeschnitten, in Form gearbeitet.

Gedankensplitter, Überbleibsel, Zwiesprache mit Relikten aus Zeit und Raum, dem Schrottplatz entnommen, dem Sterben entrissen.

Wortkarg ist der Bildhauer, ihm fehlen die Worte. Mir fehlen die Worte, fühle mit den Augen, lass meine Hände tasten.

Skelettartige Formen, fossile Reste, Knochengerüste.

Zerfurcht im Laufe der Zeit, gefurcht durch Erosion und durch die Gewalten der Natur.

Relikte aus einer Zeit vor der Zeit.

  1. Was geblieben ist, ist das Kernholz.

Anders als in der „écriture automatique“, die sich aus Schöpfungen speist, die das Unterbewusstsein ständig suggeriert, das zufällige Geschehen in die Tätigkeit aufnimmt und umsetzt, sehen wir im Werk eines Willie Hoffelder den Hasardeur, der sich der Wunderkammer des Lebens bedient.

Der Glücksritter Hoffelder nimmt die sich ihm bietenden Zufälle, nimmt Risiken in Kauf, setzt alles aufs Spiel ohne Rücksicht zu nehmen und fertigt in einer Art „ideé fixe“ regelrecht obsessive Konzeptionen.

Von der Imagination zur Gestaltung lässt er sich dabei von der scheinbar „zufälligen“ Natur und ihrer Gesetzmäßigkeit führen. Denn, was er stets beherzigt, wie vor hunderten von Jahren Michelangelo es schon mit seinem Marmor vorlebte: er unterwirft sich der von der Natur vorgegebenen Form, die ihm aufzeigt, wohin der Weg gehen soll. 

Begleiten wir Willie Hoffelder auf den Schrottplatz, klettern wir mit ihm auf das Gebälk einer Scheune, nehmen wir Wolfgang Hey mit, seien wir neugierig auf die andere Welt, auf die Ästhetik der Leere, der Zerstörung, des Findens, des Staubs auf dem Gebälk der Erinnerung.

Ich arbeite mich vor, taste in der Dunkelheit, suche zu ergründen, was ich nicht sehe, was ich nicht höre.

Ein Fremdkörper, ein Nagel im Holz. Hängen bleiben, stehen bleiben, Luft holen,

-- atmen.

Ein Wächter ohne Gesicht Wachen ohne zu sehen.

und dann bleiben wir an diesem Fremdkörper hängen, der zur ästhetischen Form wird, ein Fremdkörper, der seine Geschichte erzählt.

Venus im Schatten Die Zeit bleibt stehen,

der Wächter schlägt Alarm!

Die Schräge durchstößt die Senkrechte, formt sich zur Spitze, umklammert das Schwarz, das nicht mehr losgelassen wird. – Aus diesem Schwebezustand des miteinander Verschlungen- Seins ist eine Befreiung kaum möglich.

Wie aber, wenn dieses Wesen sich in Bewegung setzte, hin zu dem gerippten Gefüge mit Krone. Dem urzeitlichen Geschöpf mit futuristischem Kopfschmuck:

Eine urzeitliche Endergiefigur. 

Die Wächter, die den Raum bewachen und beschützen, den Tisch, das Boot, das Zusammensein.

Der Tisch, auf fest gefügter Konstruktion, der durch seine leichte Biegung Schwingungen verursacht, die wiederum den Umraum erklingen lassen, erst leise, dann stärker werdend, dann wieder abebben im Klang, manifest im jahrtausendealten Bewusstsein.

Sprache hat hier nichts zu suchen, sondern nur das Gefühl von Raum und Zeit.

Willie Hoffelder gibt uns durch seine bildhauerische Arbeit Anstöße, damit wir diese Überbleibsel in unserer Vorstellung als Ganzheit wiederzubeleben im Stande sind.

Springen Sie mit mir und Willie ins Boot! Spüren wir das Holz, die Rauigkeit, die Enge. Eingezwängt und anscheinend sicher –

Werden wir uns bewusst, dass wir mit diesem Boot in die zeitlose Weite des Universums treiben. Die Möglichkeit haben, von einer Welt zur anderen zu segeln.

Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden.

Jeden Tag sitzen wir in diesem Boot, irgendwie verloren und doch als einzige Rettung vor dem Untergehen.

Im Boot, Synonym für Raumschiff, haben wir Wolfgang Hey mitgenommen:

Wir sind in unserer Wahrnehmungskapsel, die uns scheinbare Sicherheit gewährt, an einem Faden, an einer brüchigen Linie, mit einem stummen, blinden Wächter, - in einem Boot.

Wir blicken zurück und sehen nach vorne und vergessen nicht wahr zu nehmen, was um uns geschieht in einem Kontinuum von Raum und Zeit, in einem Boot, das Willie Hoffelder aus einem Baum herausgearbeitet hat.

Völlig versunken, wie Kinder im Spiel des Versteckens und Entdeckens müssen wir uns wiederfinden, verloren Gegangenes einfangen –

Lassen wir uns auf dieses Spiel ein, werden wir das Innere entdecken, den Kern, die Gefügtheit, den Zusammenhalt.

Ich begrüße Sie, liebe Gäste, dass Sie den Mut gefunden haben, sich hier einzufinden, sich dem Universum, aus Linien, Farben, den Objekten aus Eiche, Eisen und Formen auszusetzen.

Ich lasse Sie jetzt mit der eingangs erwähnten „erschreckenden Grenzenlosigkeit“ allein, werden Sie zum Wächter der Wahrnehmung, öffnen Sie die Augen! -

und genießen Sie die Ausstellung mit Arbeiten von Wolfgang Hey und Willie Hoffelder.

 

Einen schönen Sonntag wünsch ich - und Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Reinhard Ader, März 2019