KERAMIK im Herrenhof

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Öffnungszeiten: Jedes 2. Wochenende im Monat (14.00 bis 18.00 Uhr) und nach Vereinbarung

Getöpfertes  Braun- und Buntgeschirr aus der Region Bunzlau und der Oberlausitz

Die Sammlung Ingrid und Hans Martin Kühn

 
KeramikKeramik
 

KeramikWie und wann die Sammlung entstand.

 

Das Ehepaar Kühn heiratete 1959, und damit fing das Sammeln von Keramik an. Zu den ersten Stücken gehörten Bunzlauer Geschirre mit den typischen Pfauenaugen, gerettet aus den Vorkriegshaushalten der Eltern und Großeltern. Die einfachen, zweckdienlichen Formen und die fröhlich-bunte Dekoration reizten zum Weitersammeln. Vor der Wiedervereinigung war das sehr mühsam. Nach 1990 wurde das Angebot reichlicher und so entstand eine Sammlung von schließlich 800 Stücken. Erworben wurden diese bei Fachauktionen und auf Märkten von Händlern, die sich spezialisiert hatten. Der Antikhandel trug manches Stück bei, und vieles entdeckten wir im Vorbeigehen beim Trödel.

 

Was das Thema der Sammlung ist.

 

KeramikDie Sammlung, von der in dieser Ausstellung etwa 500 Stücke zu sehen sind, beschränkt sich auf handwerklich hergestelltes Braun- und Buntgeschirr aus der Oberlausitz und aus dem Bezirk Bunzlau. Es ist, von beabsichtigten Ausnahmen abgesehen, auf der Scheibe frei gedreht, bzw. ein-oder übergedreht. Es stammt aus der Zeit von kurz vor 1900 bis 1945, als die Produktion mit dem Verlust der deutschen Ostgebiete und deren Begleitumstände völlig zusammenbrach. Industriell hergestelltes, gegossenes Geschirr, wie es vor dem 1. Weltkrieg aufkam und als Ziergeschirr weiteste Verbreitung fand, ist nicht Sammelobjekt gewesen. Dennoch enthält die Sammlung zum Zwecke der Verdeutlichung des Unterschiedes zwischen Töpferware und Industrieprodukt einige ausgesuchte Exemplare. Auch sind jüngere Beispiele aus der Oberlausitzer Region einbezogen, um den heutigen Entwicklungsstand aufzuzeigen.

 

 

 

Welche Absicht hinter der Sammlung steckt.

 

KeramikIm Laufe der Zeit und mit zunehmender Zahl der Objekte ergibt sich für jeden sammelnden Liebhaber das grundsätzliche Problem des letztendlichen Verbleibes der Sammlung. Das Ehepaar Kühn hatte das Glück, dass der Herrenhof in Neustadt-Mussbach Material für eine lehrschauartige Darstellung dekorierter Gebrauchskeramik aus deutschen Töpferregionen suchte. Daran sollte neben der formalen Zweckmäßigkeit und anhand unterschiedlicher Schmucktechniken demonstriert werden, dass die eigenschöpferischen Ideen des Töpfers als volkskünstlerische Leistung anzusehen sind. Der verkaufsfördernde Anreiz ist damit verbunden. Nun bestand die Sammlung nicht nur aus Buntgeschirr, sondern auch aus einem soliden Fundus an Braungeschirr, das sich als formaler Vorläufer des Buntgeschirres in erdfarbenem Braun darbietet. Es lag also nahe, die Ausstellung in der Art einer Lehrschau zu organisieren und aufzuzeigen, wie sich das Buntgeschirr aus dem Braungeschirr entwickelt hat, welche Dekortechniken angewendet wurden, wie sich der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigung ausgewirkt hat und was bis heute nachwirkt.

 

Die Struktur der Sammlung.

 

Die Sammlung war von Anfang an thematisch eingegrenzt, aber ohne Struktur, weil die Objekte zwar aus zwei stilistisch verwandten Regionen stammten, die formal ziemlich deckungsgleich erscheinen, in wichtigen anderen Hinsichten aber deutlich verschieden sind. Sie voneinander abzugrenzen, erscheint im Hinblick auf die angestrebte Ordnung zwar wünschenswert, ist aber sehr schwierig.

 

KeramikVoraussetzung für die Schaffung einer Ordnung war zunächst die Beschreibung der Objekte nach geltenden Regeln. Diese verlangen neben einer fachgerechten Benennung, einem Foto oder einer Zeichnung und einem Maßprotokoll eine Vielzahl von fachlichen Angaben sowie Zuweisungen zum Hersteller und zum Herstellort. Zu Letzteren ist der sammelnde Liebhaber nur in sehr beschränktem Umfang in der Lage. Sind die fachlichen Merkmale nicht offensichtlich und deutlich ausgeprägt oder die Herkunft durch Markung nicht klar ersichtlich, ist er überfordert. Vergleiche und Rückschlüsse führen häufig in die Irre. Ganz besonders nachteilig ist, dass freigedrehte Ware nur selten Herstellermarkierungen aufweist. Das hat herstelltechnische Gründe, die eine stichhaltige Zuweisung zu einer Werkstatt verhindern.

 

Sammlungen handwerklich hergestellten Gebrauchsgeschirres bilden aus den vorgenannten Gründen ein meist nach äußeren Kennzeichen sortiertes Haufwerk, von dem mangels Ordnungskriterien keine didaktische Wirkung zu erwarten ist.

 

Diese unbefriedigende Situation veranlasste die Kühns, einen eigenen Weg zur Strukturierung ihrer Sammlung zu suchen. Sie gingen dabei von der formalen Einheitlichkeit des getöpferten Braun- und Buntgeschirres aus. Sie stützten sich dabei auf die durch Preislisten belegte Tatsache, dass Bunzlauer Töpfer bereits 1907 und noch 1936 eine ganze Reihe von Geschirrformen in Braun und Bunt herstellten. Bei genauerem Studium dieser Listen stellte sich heraus, dass die Wahl der Dekorweise etwas mit dem Verwendungszweck des Geschirres zu tun hatte. Zwecks einer genaueren Analyse und Deutung teilten sie das Haufwerk in neun Gebrauchsgruppen auf und ordneten jede in den Katalogen vorkommende KeramikGeschirrform einer dieser Gruppen zu. Wo es sich als notwendig erwies, wurden die Gruppen nochmals unterteilt. Dann wurden etwa 2000 Stücke aus dem Fundus der eigenen Sammlung und aus Versteigerungsprospekten zwischen 1980 und 2001 ausgewählt, die dem Formenkreis des handgetöpferten Braun- und Buntgeschirres zugerechnet werden durften und nach dem einfachen Unterscheidungsmerkmal „BUNT“ oder „NICHT BUNT“ (braun oder anders einfarbig) beurteilt. Um das Ergebnis nicht zu verfälschen, wurden Versteigerungsobjekte aus Sammlungsauflösungen, wie sie nach 2001 auftauchten, nicht berücksichtigt. Es stellte sich heraus, dass aus dem Formenkreis des handgetöpferten Gebrauchsgeschirres, den wir fortan den „STAMMBAUM“ nannten, einige Formgruppen und -untergruppen eine Sonderstellung einnehmen, weil mehr als 90% der auf uns gekommenen Objekte bunt dekoriert sind. Die Teilergebnisse, die aus den Fremdobjekten und der eigenen Sammlung gewonnen wurden, stimmen weitgehend überein, sodass die Zusammensetzung der Sammlung als repräsentativ im Sinne der gestellten Aufgabe angesehen werden darf. Der eingehenden Beschreibung der Studie ist ein separater Bericht gewidmet.

 

Es muss allerdings offenbleiben, ob die ermittelte Verteilungsstruktur der Absatzstruktur im Herstellzeitraum entspricht, oder ob das Ergebnis, zumindest bei Gegenständen intensiver Nutzung, verfälscht ist, weil Abnutzung und Bruch die heute ermittelbaren Anteile reduziert haben. Als sicher kann angesehen werden, dass die Wahl des Geschirrdekors durch den Preis und maßgeblich auch durch den Verwendungszweck bestimmt wurde, worauf sich die Töpfer einstellen mussten.

 

Der Bettwärmer oder der Einmachtopf, die ihren Zweck im Verborgenen, also „unbesehen“ erfüllten, sind nie bunt hergestellt, angeboten oder verkauft worden. Umgekehrt darf man davon ausgehen, dass diejenigen Gebrauchsformen, die im täglichen Leben schon immer eine Rolle als Repräsentanten des individuellen häuslichen Geschmackes gespielt haben, vorwiegend bunt dekoriert hergestellt und gekauft wurden. Diese mehrfarbig/bunt dekorierten Formgruppen werden fortan „SCHWÄRME“ genannt.

 

Die auf die beschriebene Weise gewonnene Struktur erleichtert die erklärte Absicht, diese Ausstellung als Lehrschau zu organisieren. Sie erlaubt eine klare Gliederung, richtet sich nach dem Formenkreis, den die Töpfer herstellten und lässt die Hervorhebung wichtiger Aspekte wie Dekor, Herstelltechnik, Herstellregion und Werkstatt zwanglos zu.

 

KeramikDer Stammbaum.

 

Thematische und räumliche Achse der Ausstellung ist der STAMMBAUM. Er umfasst mehr als 80 ausschließlich handgetöpferte Standardformen des seit dem 19. Jahrhundert im bäuerlichen und bürgerlichen Haushalt verwendeten, einfachen Gebrauchsgeschirres, das streng nach dem Verwendungszweck gestaltet ist und althergebracht lehmbraun glasiert angeboten wurde. Hergestellt wurde es in der sächsischen Oberlausitz und im niederschlesischen Kreis Bunzlau am Bober. Dieses Geschirr fand breiteste Verwendung, weil es gute Gebrauchseigenschaften hatte und auch für den kleinen Mann erschwinglich war. Das Standardprogramm ist in alten Preislisten beschrieben, von denen wir die der Bunzlauer Töpfer von 1907 und 1936 aus der Fachliteratur kennen. Auch Oberlausitzer Töpfer verkauften nach Listen. Bekannt ist eine von 1925. Diesen Listen ist ein einheitlicher Formenkreis von etwa 50 Standardformen gemeinsam. Schon Ende des 19. Jahrhunderts, ob zuerst in der Oberlausitz oder in Bunzlau, darüber streiten sich die Gelehrten, begannen die Brauntöpfer als Kaufanreiz ihr Geschirr z.T. auch bunt zu dekorieren. 1907 weist die Bunzlauer Preisliste bereits ein Drittel der Produktpalette als braun und bunt lieferbar aus. Unsere Strukturstudie belegt, dass nur dasjenige Geschirr bunt dekoriert wurde, das seine ästhetisierende Wirkung auch ausüben konnte. Mit Hilfe des Buntgeschirres gelang es den Töpfern, dem Zweck die Zierde als zweites Kaufargument beizufügen. Mit großem Erfolg! Das sogenannte Ziergeschirr, das sich bald vom konservativen Formenkreis verabschiedete, erlangte immer mehr Bedeutung und sorgte für eine tiefgreifende Veränderung der Produkt- und Unternehmensstrukturen im Töpfereigewerbe. Insbesondere in der Region Bunzlau ging die handwerkliche Produktion teilweise schon früh in eine industrielle über. Die Fabrik löste die Werkstatt ab. Auch benutzte man einen neuen, synthetischen Werkstoff, das sogenannte Feinsteinzeug und stellte das Herstellverfahren um. Man fertigte nicht mehr auf der Töpferscheibe, sondern man goss die Erzeugnisse in der Art des Porzellans. Demgegenüber arbeiteten die meisten Oberlausitzer Töpfer handwerklich weiter, blieben der Scheibe treu und verwendeten, auch für das Ziergeschirr, weiterhin hochgebrannten Naturton für ihre Erzeugnisse.

 

Leider fehlen unserem STAMMBAUM einige wenige Standardformen aus den originalen Ursprungsgebieten. Wo es zu vertreten war, haben wir uns mit jüngeren Repliken und gleichen Formen aus anderen Herkunftsbereichen, wie z.B. Muskau, beholfen. Dennoch: Leihgaben sind willkomen! Über den STAMMBAUM informierten eine Bestandstafel, die die Zuordnung der Exponate zu den Verwendungsbereichen erklärt.

 

DIE SCHWÄRME

 

Die sieben ausgesuchten SCHWÄRME mit insgesamt 393 Exponaten sind an den Außenwänden auf Tischen angeordnet. Alle Formen sind farbig dekoriert und, wo nicht anders ausgewiesen, handwerklich gefertigt. Einige SCHWÄRME enthalten industriell gefertigte Einzelstücke, um den Unterschied zum handwerklichen Produkt zu demonstrieren. Dies betrifft insgesamt 33 Stücke. Die Ausstellungsflächen sind mit Buchstaben gekennzeichnet und tragen Tafeln, deren eine über Einzelheiten der Herstellung informiert, eine andere, die die am Tisch aufgestellten Formen in Abbildungen aus den Bunzlauer Töpferkatalogen zeigt. Auch hier tragen alle Exponate eine Nummer, die, zusammen mit fachlichen Angaben, in einem einsehbaren Register erfasst sind. Eine Sonderstellung nehmen die VASEN auf Tisch E ein. Sie gehören nicht zum Standardprogramm und wurden, soweit bekannt, vor dem 2. Weltkrieg nicht in Braun gefertigt. Sie existieren nur in Bunt und in freien, vielfältigen Formen. Die Gruppe der 50 Vasen auf Tisch E stammt, bis auf eine Ausnahme, aus handwerklicher Fertigung. 36 sind frei gedreht, und alle sind von Hand dekoriert. Sie zeigen in beeindruckender Weise die Schönheiten des farbigen Dekors, insbesondere die Kunst des Schwämmelns. Hierbei werden die unterschiedlichsten Motive mit Hilfe von in Farbglasuren eingetauchten, speziell geformten Schwämmchen auf die Oberfläche des gedrehten Formkörpers gestempelt. Im nachfolgenden Brand entwickeln sich die gewünschten Farben. Diese Dekortechnik ist für Bunzlau und die Oberlausitz spezifisch und, von Ausnahmen abgesehen, nur dort als bedeutendes wirtschaftsförderndes Produktmerkmal wirksam geworden. Heute nennt man das ein Markenzeichen. So sind denn auch Bunzlau und das sogenannte Pfauenauge ein Synonym bis heute!

 

Die Vase stellt innerhalb der Schwärme den Höhepunkt der Verifizierung handwerklicher Dekorkunst dar. Sie unterscheidet sich markant von der Uniformität des industriell gefertigten Seriengeschirrs und erfüllt, zumindest in seinen besten Exemplaren, die Kriterien volkskünstlerischen Schaffens.     

 
 

Telefon: 06321-963999-0 (Büro)

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Kontakt über e-Mail

 

Text und Foto: Hans Martin Kühn

Leihgeber: Ingrid und Hans Martin Kühn

 

Öffnungszeiten: Nach hauseigener Ansage und Vereinbarung