Beschreibung des Herrenhofes

 

Man betritt den Herrenhof durch ein Renaissance-Eingangsportal, das aus massiven Buckelquadern erbaut ist und Teil eines großen Renaissance-Torturmes war, der leider 1811/12 abgerissen wurde. Die den Hof um­gebende, heute noch teilweise über 5 Meter hohe Ringmauer weist darauf hin, daß der Hof auch als Wehrhof diente. Innerhalb dieser ehrfurchtgebietenden Mauern befindet sich ein herrschaftliches, 1773/74 im edlen Barockstil erbautes Herrenhaus, das dem Orden als Schaffnerhaus diente. 

Unmittelbar daneben steht das sogenannte Holländerhaus (Dachform) oder Kutscherhaus (Wohnung des Kutschers), das um 1775 aus den übriggebliebenen Sandsteinen des alten Schaffnerhauses erbaut wurde. Gleich rechts von dem Hofeingang befindet sich ein langgestreckter Anbau, der als Arbeiterhaus die Bediensteten des Herrenhofs aufgenommen hat. Unmittelbar auf der Südseite der St. Johanneskirche liegt der mächtige Getreidekasten, zu welchem man durch den Treppenturm mit einem einzigartigen Renaissance-Portal gelangt. Die Ausführung des Aufgangs zum Getreidekasten deutet darauf hin, daß derselbe vormals zu einem  Herrschaftshaus gehörte. Dieses Schaffnerhaus stand einst senkrecht zum Getreidekasten und reichte bis zur Mitte des südlich davon gelegenen Weges. In der teilweise erhaltenen Ostmauer sind noch Fenster und  Torbögen zu erkennen. 

Das große gotische, aus Sandsteinen erbaute Schaffnerhaus ist in den Kriegen des 17. Jahrhunderts so stark beschädigt worden, daß es abgerissen werden mußte. Ursprünglich war dieser Hof auch Gerichtsort, also Ding-Hof. Heute noch sehen wir an den Torgewändern eigenartige Rillen, sogenannte Wetzrillen, die einerseits Zeichen dafür sind, daß hier einmal öffentlich Gericht gehalten wurde, andererseits anzeigen daß durch das Wetzen Steinpulver gewonnen wurde, dem man heilbringende, magische oder unheilabwehrende Kräfte zumaß. Diese sogenannte niedere Gerichtsbarkeit blieb in diesem Dorf bis zur Französischen Revolution. Das alte Gerichtssiegel von Mußbach ist bis heute Dorfwappen geblieben.

Im Westen zieht sich ein mächtiges Kelterhaus an der Lutwitzistraße entlang. Am nördlichen Ende ist ein geräumiger Schuppen (Remise) angebaut. In diesem Schuppen waren diverse Ackergeräte und der Wagenpark untergebracht. Dem Orden diente dieses Gebäude als Scheune und die Remise als Kelterplatz.

Im Süden schließt sich dann die Werkstatt an, ebenso die Stallungen. Hinter dem Herrenhaus und den Stallungen befindet sich ein großer parkähnlicher Pflanzgarten und der über sechs Morgen große  Johannisgarten, der bis zum heutigen Tag als Weinberg genutzt wird. Inmitten des Hofes liegt der 25 Meter tiefe Brunnen, der versiegt ist. Über 200 Jahre verblieb nun dieser Fronhof in der Eigenbewirtschaftung des Benediktinerklosters Weißenburg, zuerst mit 45, später mit 24 hörigen Bauern. Mit dem Rückgang der klösterlichen Machtfülle zugunsten der Adelsherrschaft schied 991 der Herrenhof zu Mußbach aus der Klostergrundherrschaft aus. 

Herzog Otto von Worms (von Kärnten) nahm ihn mit 67 weiteren Herrenhöfen dem Kloster Weißenburg ab. Nach klösterlicher Meinung wurde das Gut geraubt. Damit gelangte der Besitz an weltliche Grundherrschaften, zuerst an das Geschlecht der Salier und anschließend der Staufer, die ihn zur Bewirtschaftung zu Lehen weitergaben. Nachdem die salischen und staufischen Standesherren auf dem 2. Kreuzzug (1117 bis 1149) den Orden des Heiligen Johannes kennengelernt hatten, kam es anschließend zu Gründungen vonOrdenshäusern auch im deutschsprachigen Raum. So gründete Kaiser Friedrich I. Barbarossa aller Wahrscheinlichkeit nach 1185  die Kommende Heimbach, das heißt er übergab das zur Burg Germersheim gehörende Jagdschloß in Heimbach bzw. die Klostergebäude eines Männerklosters dem Johanniterorden zur Nutzung und stattete diese Kommende mit Grundbesitz, Rechten und Abgabefreiheit aus. 

Im Laufe des 13. Jahrhunderts flossen dann der Kommende Heimbach zahlreiche Schenkungen zu, nachdem Philipp von Schwaben 1207 in Basel bestätigt hatte, daß ohne eine kaiserliche Zustimmung dem Orden des Heiligen Johannes Schenkungen gemacht werden durften. Im Zuge dieser Schenkungen übergab 1290 Werner, Schenk von Ramberg - das Geschlecht der Ramberger bewohnte die Ramburg, sie waren Reichsministeriale und nahmen das Schenkungsamt auf dem Trifels wahr - die ihm überlassenen hohenstaufischen Patronatsrechte und Gefälle in Mußbach dem Johanniterorden.
 
Mit dieser Schenkung wurde 1290 der Johanniterorden Pfarrherr von Mußbach. 1297 schenkte Gerhard von Mußbach aus der Familie der Ritter von Mußbach wesentliche Teile seines Grundbesitzes in Mußbach und Freisbach der Johanniterkommende Heimbach. Die Schenkung erfolgte im Rahmen eines Naturalvertrages, in dem der Orden dem Gerhard und seinen sechs unverheirateten Töchtern den Lebensunterhalt bis zum Tode zusicherte. Die Ritter von Mußbach, seit 150 Jahren in der Gemeinde als ansässig bekannt, waren mit dem Johanniterorden eng verbunden. Zwei Vettern des Gerhard, Egeno und Richard von Mußbach, waren zeitweise Komture in der Kommende Heimbach. Das Mußbacher Johannitergut als Filialhaus (membrum) von Heimbach, ab 1512 Kameralgut des jeweiligen Großpriors der Deutschen Zunge, entwickelte sich zu einem der ertragreichsten Häuser des Johanniterordens in Deutschland.


Natürlich erlebte das Ordenshaus in Mußbach in seiner 500jährigen Zugehörigkeit zum Johanniter- bzw. später zum Malteserorden alle Höhen und Tiefen der friedvollen und weniger friedvollen Zeiten mit. Bereits um 1350 ging es der Komturei Heimbach so schlecht, daß mit fünf Komturen deutscher Johanniter-Niederlassungen in Heimbach beraten wurde, wie man die Not des Hauses mildern könne. Güterverkäufe, auch in Mußbach, wurden erforderlich. Aber 50 Jahre später muß sich die Kommente bereits wieder so erholt haben, daß ab 1409 über ein Jahrhundert lang wieder Güter in Mußbach gekauft wurden. Der Herrenhof entwickelte sich zu einem großen landwirtschaftlichen Gut mit intensiver Viehhaltung, für die 1530 große Stallungen und Scheunen gebaut wurden. Die Fläche der Weinberge in Eigennutzung war immer bescheiden, dafür war der Besitz an ewig verpachteten Weinbergen um so größer, für die die Bauern und Winzer von Mußbach Weingülden zahlen mußten.

Während im Bauernkrieg (1524 bis 1525) die Kommende Heimbach gestürmt, ausgeplündert  und zerstört wurde – die Zeiskamer Bauern wurden später zu Schadenersatz verpflichtet – blieb interessanterweise das Ordenshaus in Mußbach davon verschont. Das lag sicher mit daran, daß sich in Mußbach die Bauern mit dem Orden einvernehmlich arrangiert hatten, aber auch daran, daß der Herrenhof als Wehrhof mit hohen Mauern umgeben war, in die sich die Mußbacher Bevölkerung zurückziehen konnte wenn Gefahr im Verzuge war. Jedenfalls wurde in der Generalrenovation von 1589 noch ein gutgeführtes großes Landgut ausgewiesen. Damals gehörten zum Hof die St. Johanneskirche, die Heidmühle, 375 Hektar Acker, 116 Hektar Wiesen, 5 Hektar eigenbewirtschaftete und 35 Hektar ewig verpachtete Weinberge und 165 Hektar Ordenswald. Schließlich besaß der Orden auch den Zehnten und eine Reihe von Abgaben durch die Bauern, die sogenannten Gülten. Ebenso unterstand ihm die Fischerei im Speyerbach und Rehbach. Die Überschüsse aus den Erträgen flossen zuerst dem Komtur Heimbach, ab 1512 dem Großprior in Deutschen Landen und Komtur vom Heimbach mit Sitz in Heitersheim Baden (Malteser-Schloß) zu. Alle Jahre einmal wurden die Beamten des kurfürstlichen Oberamtes zu einem Mittagessen mit anschließender Belustigung feierlich eingeladen. 

Der Wein, sowohl der selbst angebaute als auch der von den Bauern abgegebene „Gültenwein“, wurde über lange Jahre hindurch an das Ordenshaus in Speyer geliefert. Er wurde fuderweise per Floß auf dem Speyerbach befördert. Zwischen Ostern und Pfingsten wurde der Wein ausgeschenkt, denn nur in dieser  Zeit war er frei von der Getränkesteuer. In den Jahrhunderten der Ordensherrschaft wurde der Grundbesitz entweder in eigener Regie oder durch Hofleute in einer Art freier Pacht bewirtschaftet oder in Teilen an die Mußbacher Bauern verpachtet. Nach der Reformation blieb der Hof im Besitz des katholischen Malteserordens.

Dies ging solange gut, wie Frieden war. Die schlimmsten Zeiten erlebte der Mußbacher Herrenhof im 17. Jahr­hundert. 1621, es war das dritte Jahr im Dreißigjährigen Krieg, fand hier in der Gemarkung Mußbach ein Gefecht zwischen Truppen der Mannsfelder und der Spanier unter General Cordoba statt. Söldnerscharen zogen kämpfend, raubend, mordend und brennend durch das Dorf. Hunger und Pest rafften die Menschen dahin. Schon 1626 „lagen von den 1250 Morgen Ackerfeld 1000 öde und wüst. Von den 87 Morgen Weinbergen des Herrenhofes waren 64 verödet“. So lesen wir es in dem Bericht vom 24. Dezember 1626, den der Visitator dem Ordensmeister über den Mußbacher Hof erstattete: „Von den Pachten ging knapp ein Achtel ein, weil durch die Kriegsgelegenheiten die Pächter teils vertrieben, teils gestorben und die übrigen also ruiniert waren, daß die Wiesen  öde  und  brach  liegen  und  schier  niemand  vorhanden,  der  dieselben  anzunehmen  begehrte.“  Noch 15 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges war ein Drittel der Weingülten unergiebig, d. h. sie brachten nichts mehr ein. Kaum schien man sich wieder zu erholen, brach neues Unheil über die Pfalz herein.

Ludwig XIV. schickte von Frankreich seinen General Mélac mit dem Befehl nach Deutschland: „Brulez le Palatinat!“(brennt die Pfalz nieder!). Speyer mit Dom, Heidelberg mit Schloß, alle Städte und Dörfer links und rechts des Rheins wurden 1689 eingeäschert. In Mußbach blieben nur die Kirche, Teile des Herrenhofs und wenige Häuser stehen. Die Bauern waren so arm geworden, daß sie viele Jahre keine Steuern mehr bezahlen  konnten. Der Malteserorden sah sich gezwungen, die Bebauung seiner Ländereien wieder in eigene Regie zu nehmen. Das hatte den Vorteil, daß der Hof als Einheit mindestens bis in die Tage der Französischen Revolution erhalten geblieben ist. Als am 17. Oktober 1797 der Friede von Campo Formio die Revolutionskriege beendete, wurde dem Malteserorden der gesamte Grundbesitz weggenommen und der Ehrenlegion als Eigentum zugewiesen, von dort kam er 1806 an die französische Tilgungskasse.
 
Die Tilgungskasse hat den Besitz an Äcker, Wiesen, Weiden und Weinbergen, insgesamt 401,45 Hektar, einschließlich der Heidmühle in 227 Losen verpachtet. Der Ordenswald, 161,6 Hektar groß, war vorher schon der Gemeinde Mußbach übertragen worden. 1811 wurde der Herrenhof einschließlich der Heidmühle mit allen Ländereien in Mainz versteigert. Da niemand in der Lage war, das Gut geschlossen zu erwerben, wurde es parzelliert angeboten. Jakob Kraetzer, Tabakfabrikant in Mainz und Straßenbauer unter Napoleon, erwarb die Hofreite, die Heidmühle und 130 Hektar Land. Auf weiteren Versteigerungen (acht insgesamt) wurde der Besitz parzelliert verkauft. Viele Winzer und Bauern erwarben die vorher von ihnen gepachteten Flächen und fanden den Weg in den landwirtschaftlichen Vollerwerb.

In sein Wappenschild am Haus und in die Grenzsteine ließ Kraetzer seine Initialen J.K. und die seiner Frau, S., für geborene Schick, sowie den Stockanker, das Berufszeichen der Kaufleute, einmeißeln. Nach dem Tode von  Jakob Kraetzer dem Jüngeren übernahm dessen Sohn Dr. Gustav Adolf Kraetzer den Herrenhof, und nach dessen Tod, 1870, führte dessen Sohn Josef zusammen mit seinem Schwager Otto Sartorius das Gut. 1899 zahlte Otto Sartorius seinen Schwager Josef aus und übernahm dessen Besitzanteil. 

In den Händen der Familie Sartorius blieb der  Besitz bis er 1970. Dann verkaufte Dr. Otto Sartorius das Gut an das Land Rheinland-Pfalz, das einen neuen Standort für die Landes-Lehr- und Forschungsanstalt für Wein- und Gartenbau(LLFA), die aus der beengten Stadtlage ausgesiedelt werden sollte, suchte. Bereits 1972 begannen die Bauplanungen und die Baumaßnahmen für das moderne Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (heute DLR) am östlichen Rand von Mußbach. Von 1970 bis 1982 nutzte diese Dienststelle die Gebäude im Herrenhof für das Staatsweingut mit Johannitergut. Nachdem die Neubauten 1982 fertig gestellt waren, wurde der Weinbaubetrieb verlagert. Die Wirtschaftsgebäude im Herrenhof wurden dann für die Fördergemeinschaft Herrenhof, die am 3. März 1983 gegründet wurde, bereitgestellt.