Ein- und Entpuppen menschlicher Beziehungen

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Performance-Gruppe „Cocoon" zeigt im Kleinen Theater im Herrenhaus „Cocoon on stage: Gefundene Gesichter"

 


Von Neustadt nach Manhattan - ein langer Weg. Die vier Protagonisten der Performance-Gruppe „Cocoon" gehen am Wochenende auf der Bühne des Kleinen Theaters im Herrenhof diesen Weg.

 


„Ach, wie schön. Meine Männer haben wieder an mich gedacht", sagt Tine Duffing. Im Eingang zum „Cocoon"-Atelier und Art-Labors liegen auf einem Sofa zwei Torsi. Sie nimmt die Schaumstofftorsi fast liebevoll in den Arm, drückt sie an sich und weist ihnen spontan Rollen in einer neuen Performance zu. Schnell geht sie zurück ins Atelier, die Kollegen warten auf sie. Am Freitag hat „Cocoon" Premiere mit „Cocoon on stage: Gefundene Gesichter", im Kleinen Theater im Herrenhof. Die zweite Aufführung ist am Samstag.

 


Es ist quasi eine Doppelpremiere. Denn zum ersten Mal wird Tine Duffing mit ihrem Projekt namens „Cocoon" im Kleinen Theater auftreten. „Cocoon" inszeniert Experimentelles, eigenwillige Performance-Art, zeitgenössischen Tanz und Playing- Arts-Projekte. „Cocoon" ist Tine Duffing. „Was erstarrt ist, erseh"n ich zu bewegen", ist ihr Credo.

 


Es ist eine der letzten Proben für die Inszenierung des Ausdrucks- und Bewegungsspiels „Gefundene Gesichter". Zwei junge Frauen und ein junger Mann, schwarz gekleidet, sind unterwegs von Neustadt nach Manhattan. Ihre Spielgeräte sind Managerkoffer. Sie begegnen sich irgendwo am Airport. Renée, die funktionierende Powerfrau, ist zielstrebig, ignoriert alles, was um sie herum ist. Britta ist unsicher, orientiert sich. Martin, der selbstsichere Businessman, geht schnellen Schrittes an der zögernden Britta vorbei. Irgendwann bleiben sie stehen.

 


Martin setzt sich auf seinen Koffer, auf dessen Frontseite Fotos von ihm und Britta aufgeklebt sind. Britta hält den Koffer mit seinem Abbild vor sich. Sie erstarren, blicken ins Leere. Tine Duffing, Regisseurin und Darstellerin, ruft „Licht aus". In Sekunden rabenschwarzer Nacht klicken Verschlüsse, fahles Licht aus den Koffern findet zwei Gesichter ...

 


Gemeinsam feilen die Darsteller Renée Boyard, Britta Benker, Martin Scheibe, Rita Oberbeck und Tine Duffing am Profil der stummen Szenen, die in Körpersprache den Inhalt der Performance ausdrücken. Überall im Atelier kleben Zettel mit Stichworten als Impulsgeber, wie sich Tine Duffing ein neues Art-Projekt vorstellt. Sie wirft sie in einen Ideenpool. Das Team diskutiert. Jeder sucht sich eine Szene aus, für die er die Patenschaft übernimmt. So entstehen Performances, Kunst- und Kulturevents.

 


Tine Duffing, die Bettina heißt, in Leipzig zur Welt kam und seit 1984 mit ihrer Familie in Neustadt lebt, ist ein Energiebündel. Ihr Mann ist der Backstage-Manager bei den Aufführungen. Er kocht in den Arbeitswochen für das Team und chauffiert sie. Sie ist ständig in Bewegung. Die Körpersprache, Inhalt ihrer Performance, sind ihr in Fleisch und Blut übergegangen. In wenigen Momenten, in denen sie innehält, entwickelt sie kreative Vielfalt und strukturiert „das künstlerische Chaos", wie sie sagt.

 


„Seit ich den aufrechten Gang habe", spielt sie Theater: Im Hinterhof eines Wohnhauses in Leipzig, an ungewöhnlichen Orten und Situationen. Requisiten braucht Tine so gut wie nicht: Damals nicht und heute nur wenige für ihre Performances. Ausdrucksmittel ist die Bewegung, beispielsweise für ihre „Schuh-Geh-Geschichten", bei der 365 Paar feuerrot gelackte Schuhe mitspielten.

 


Tine studierte in Heidelberg Sozialarbeit und Sozialpädagogik, bildete sich weiter in Spiel- und Theaterpädagogik, Pantomime, Ausdruckstanz, Butoh (japanisches Tanztheater), Masken- und Performance-Art. 1986 gründete sie den Spiel- und Theaterhof „Hinnergrund" in Neustadt, aus dem 1992 das Atelier und Art-Labor „Cocoon SpielRaum" entstanden ist.

 


„Cocoon" ist ein biologischer Fachbegriff für die Hülle von Insektenpuppen. Für Duffing steht das Wort für fantasievolles Ein- und Entpuppen menschlicher Beziehungen. Zwei Kleinkunstförderpreise Baden-Württembergs für Mimentheater sowie Körper- und Maskentheater wurden ihr verliehen.

 


„Das Team vom Kleinen Theater im Herrenhof hat mich herzlich aufgenommen", sagt sie. Deshalb stehen nicht nur zukünftig regelmäßig „Cocoon"-Aufführungen auf dem Programm. Die KiMix-Kreativ-, Theaterwerkstatt, Playing Arts-Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zieht zudem für zwei Nachmittage vom „Cocoon"-Atelier in der Hindenburgstraße in den Herrenhof. Thema ist die fantastische Welt der Masken mit dem Titel „Naturgeister, Traumtänzer & Co". Und dann sind da noch die Torsi, die in einer Performance mitspielen, die gerade erdacht wird.

 


information

 


„Cocoon on stage: Gefundene Gesichter", 9. und 10. Februar, 20 Uhr, Kleines Theater Herrenhof.

 

 


Vorverkauf bei Copy-Shop „Blatt für Blatt", Telefon 06321/483779 und bei Tine Duffing, Telefon 06321/80731. (awk)

 

 

 


Von unserer Mitarbeiterin Angelika Wilde-Kaufhold
 

 

 

 

 

 

POESCHH / POESCHH

 

Quelle: 
Publikation: DIE RHEINPFALZ 
Regionalausgabe: Mittelhaardter Rundschau 
Datum: Nr.32 
Datum: Dienstag, den 7. Februar 2007 
Seite: Nr.19 
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