Viele Steine gerollt

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Gustav-Adolf Bähr, Vorsitzender der Fördergemeinschaft Herrenhof und einflussreicher Fernseh-Journalist, feiert seinen 70. Geburtstag

Gustav Adolf BährAlbert Camus, der große Existenzphilosoph, behauptete einst, dass man sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müsse. Was genau er damit gemeint hat, lässt sich im Gespräch mit Gustav-Adolf Bähr, dem langjährigen Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Herrenhof Mußbach, ganz leicht in die Metaphorik des modernen Lebens übersetzen. Auch Bähr, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, macht keinen unglücklichen Eindruck, auch er hat viele Steine gerollt. Sein Fazit lautet freilich: „Ich hab" immer nur das gemacht, was ich konnte."


In der Tat ist dieser Satz ebenso ein- wie vieldeutig, ein Satz, der nur von jemandem stammen kann, der beständig mit Menschen und Medien umgeht, aber auch mit der Sprache und deren Differenzierungskraft. Um Bescheidenheit geht es denn auch nur bedingt, dazu hat Bähr gar keinen Anlass. Seine Erfolge sind sichtbar in seine Biografie eingewebt. Um zu sehen, wie langfristig er gewirkt hat, muss der ehemalige Hauptabteilungsleiter beim Südwestfunk Baden-Baden, der dort über 40 Jahre für Kunst und Wissenschaft zuständig war, abends nur mal kurz den Fernseher anschalten, um auf den Kulturkanälen - irgendwo zwischen Bayern Alpha und Arte - auf eine von ihm initiierte Sendung zu stoßen. „Schätze der Welt", die Serie über die Welterbe-Stätten der Unesco, ist zum Beispiel so ein Format, das er erfunden hat, ganz einfach, weil er einen Gedächtnishort schaffen wollte, der in unserer schnelllebigen Zeit kulturelle Errungenschaften „festschreibt", wie er erläutert.


Umtriebig, aber kein Workaholic: „Arbeit darf kein Selbstzweck sein"


Da Bähr aber zudem ein religiöser Mensch ist und aus einem Pfarrhaus stammt, in welchem neben ihm noch neun Geschwister groß wurden, hat er sich auch kirchlich engagiert und war 24 Jahre lang nicht nur Vorsitzender der Bezirkssynode, sondern zugleich Mitglied der Kammer für Publizistik der EKD und von deren Rundfunkausschuss. Das ist es denn auch, was Bähr am stärksten mit Sisyphos in der Camus"schen Leseart verbindet: dass er stets mit mehreren Felsbrocken unterwegs war und immer nach neuen Ausschau gehalten hat. Und natürlich lässt sich dieses Phänomen der ständigen Bewegung sogar noch deutlicher benennen: als Suche nach dem Sinn des Lebens nämlich. Freimütig bekennt Bähr, dass ihn diese immer angetrieben habe. Ein „Workaholic" sei er dagegen keineswegs, Arbeit dürfe kein Selbstzweck sein.


„Immer unruhig" habe er bleiben wollen, ein Wesenszug, den man auch seinem Ausbildungsgang anmerkt, der von vorneherein manche Option offenließ. Was hat er nicht alles angefangen, aber auch immer diszipliniert zu Ende geführt: der in Mutterstadt aufgewachsene, in vielerlei Richtungen begabte Pfarrerssohn, der nach dem Abitur ein Gesangsstudium und ein Schauspielstudium in Mannheim sowie ein Opernstudium in Wien absolvierte. Germanistik studierte, Theaterwissenschaft. Und am Ende, als er in allem eine gewisse Statik erkannte, die ihn nie ganz befriedigte, dann doch - weil dies in Deutschland noch nicht möglich war - die Hochschule für Film und Fernsehen in der österreichischen Hauptstadt besuchte, dort seinen Abschluss in Regie und Dramaturgie machte und Regieassistent von Geza von Cziffra wurde.


Es ist hier nicht der Ort, all die Menschen zu nennen, denen Gustav-Adolf Bähr in seinem Leben begegnete, es war viel Prominenz darunter: Schauspieler, Politiker, Denker und Lenker, die das Nachkriegsleben der Bundesrepublik prägten. Spannender ist es, zu erfahren, wie deutlich Bähr selbst, nachdem er beim Südwestfunk angeheuert hatte, wichtige mediale Entwicklungen zu etablieren half: als Redakteur der Sendung „Report" etwa, wo er für die legendären Interviews von Günter Gaus die Gesprächspartner „briefte" und sie buchstäblich belagerte, wenn sie sich unwillig zeigten. Oder mit Peter von Zahn zusammenarbeitete, der in den 1960er Jahren in Deutschland der Inbegriff des rasenden Fernseh-Reporters war und auf den jungen Journalisten aus der Pfalz sehr anregend wirkte.


Dennoch: irgendwann begann Bähr sich ausschließlich auf die Kultur zu konzentrieren, deren Vielfalt er nicht zuletzt durch die Vielfalt seiner Studien adäquat in Sendungen und Filmen umsetzen wollte. An die tausend kleinere und größere Filme hat er als Redakteur „gemacht", erzählt Bähr, aber auch neue Formate erfunden und verantwortlich in Gang gehalten: darunter die heute immer noch sehr erfolgreichen Sendungen „Bestenliste",„Kulturzeit" und „Bilderbuch Deutschland", die zwar ihr Gesicht geändert, nicht aber ihre immer noch zupackende Qualität verloren haben.


Geistiger Vater von „Kulturzeit" und „Bilderbuch Deutschland"


Die Gründung der Fördergemeinschaft Herrenhof 1983, eine der größten Kulturinitiativen des Landes Rheinland-Pfalz, wo es bald nicht nur Ausstellungen mit renommierten Künstlern aus dem In- und Ausland, sondern auch Konzerte, Kabarett-Veranstaltungen, Theater und diverse Kulturfeste gab, lag insofern logisch auf Bährs Lebensroute. Und dazu kam dann auch noch die Mitgliedschaft in zahlreichen Vereinen und Institutionen der pfälzischen Kunst- und Kulturszene, die er nicht selten entschlossen miteinander vernetzte.


Auf die Frage, ob man denn in so vielen Funktionen nicht automatisch so viel Macht ansammle, dass man kaum mehr von ihr lassen könne, antwortete Bähr nicht gleich, sondern denkt eine Weile nach, gibt jedenfalls nicht Antwort nur in gestanzten Sätzen. Neben einem „guten Schicksal", so Bähr, habe er auch eine „gute Familie" gehabt, die ihn nicht nur „liebte, sondern auch konstruktiv kritisierte". Das habe dazu geführt, dass ihm das Vermeintliche der eigenen Unentbehrlichkeit stets bewusst geblieben sei. Außerdem habe er durchaus Konzepte entwickelt, wie es im Herrenhof weitergehen könne, wenn er selbst eines Tages die Leitung abgebe. Eine Methode, dies erfolgreich zuwege zu bringen, könne darin bestehen, die einzelnen Sparten - Kunst, Kabarett, Musik - „allmählich immer selbständiger zu machen". Noch aber ist er am Rotieren, der Motor des Herrenhofs. Ganz „ohne den Knacks, auf den ich Gott sei Dank noch immer vergeblich warte".

Von unserer Mitarbeiterin Gabriele Weingartner

 

Quelle: 
Publikation: DIE RHEINPFALZ 
Regionalausgabe: Mittelhaardter Rundschau,  Nr.158
Datum: Montag, den 9. Juli 2008
Seite: Nr.21
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